Storch (1978) führt acht Unterarten von Glis glis auf. Gemäß diesen
Angaben sind die Siebenschläfer Italiens und der tyrrhenischen Inseln
am dunkelsten gefärbt, während die Siebenschläfer auf Kreta
die hellste Färbung aufweisen. Am größten wird die Unterart
der apenninischen Halbinsel und Siziliens, danach folgt die entlang der kroatischen
Adria verbreitete Subspezies. Die in West-, Mittel- und Osteuropa vorkommenden
Siebenschläfer sind dagegen zum Teil deutlich kleiner. Für die auch
in Deutschland verbreitete Nominatform Glis glis glis (Linnaeus, 1766) werden
Kopf-Rumpflängen von 120 bis 176 Millimeter und Schwanzlängen von
105 bis 148 Millimeter angegeben (Saint Girons, 1973; Sidorowicz, 1959). Dagegen
erreicht Glis glis italicus, die größte Unterart, Kopf-Rumpflängen
von 169 bis 215 Millimeter und Schwanzlängen von 163 bis 191 Millimeter
(Witte, 1962; Kahmann, 1965).
Der bevorzugte Lebensraum des Siebenschläfers sind Laub- und Mischwälder.
Besonders wichtig ist ein dichter Eichen- und Buchenbestand. Allerdings kommen
Siebenschläfer auch dort vor, wo Hainbuchen, Esskastanien und wilde Kirschen
dominieren. Die Populationsdichte hängt ganz entscheidend von der Verfügbarkeit
geeigneter Tagesverstecke wie Baumhöhlen oder Nistkästen ab. Geschlossene
Nadelwälder werden in Mitteleuropa höchstens an den Rändern
besiedelt. Auch Parks, Obst- und Weingärten sowie felsiges Gelände
stellen für Glis glis geeignete Lebensräume dar. In England, wo der
Siebenschläfer im Jahr 1902 eingebürgert wurde, besiedelt der Siebenschläfer
ein relativ eng begrenztes Gebiet mit einem Durchmesser von ca. 70 km (Morris,
1997). Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist hier gering. An den Stellen, an
denen der Siebenschläfer vorkommt, gilt er als durchaus häufig. Dennoch
hat der Populationsdruck bislang nicht zu einer verstärkten Ausbreitung
in England geführt. Als Grund hierfür wird das Fehlen geeigneter
Siebenschläfer-Habitate am Rand des Verbreitungsgebietes genannt. Nur
im Kernbereich des Vorkommensgebietes finden sich alte, zusammenhängende
Buchenbestände, die von landwirtschaftlichen Flächen, Siedlungen
und Verkehrswegen begrenzt werden. Als Kulturfolger ist der Siebenschläfer
häufig im menschlichen Siedlungsbereich anzutreffen, wo er ganzjährig
bewohnte oder Leerstehende Gebäude aufsucht. Bei einer 1995 in England
durchgeführten Fragebogenaktion kamen 78 % aller Nachweise aus Häusern.
Dagegen waren es in Gärten nur 11 % und in Wäldern lediglich 10 %
(Morris, 1997). Im Gebirge wird die vertikale Verbreitung weitgehend vom Laubholzvorkommen
bestimmt. In den Nordalpen liegt die Verbreitungsgrenze von Glis glis in einer
Höhe von rund 1.200 m. In den Südalpen, sowie in Südeuropa werden
dagegen auch höher gelegene Gebiete besiedelt. Auf Kreta wurde der Siebenschläfer
noch in einer Höhe von 1.600 m nachgewiesen (Siewert, 1953). In den östlichen
Pyrenäen werden sogar Höhen von 2.000 m erreicht (Saint Girons, 1973).
Siebenschläfer ernähren sich überwiegend von pflanzlicher Kost. Je nach Jahreszeit werden Rinde, Knospen, Blätter, Früchte oder Samen verschiedener Laubbäume verzehrt. Neben Eichen und Buchen werden unter anderem auch Haselnuss, Hartriegel, Weißdorn, Ahorn, Esskastanie, Holunder und Esche als Nahrungspflanzen genutzt. Weitere, saisonal häufig bedeutsame Nahrungsbestandteile sind Keimpflanzen (zum Beispiel Buchenkotyledonen), Pilze, Kiefern- und Lärchennadeln, Obst (Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen) und Beeren (Erdbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren und Himbeeren). Tierische Nahrung wie Insekten wird meist nur zufällig mit aufgenommen. Gebietsweise stehen auch kleine, Höhlenbrütende Vogelarten wie der Trauerfliegenschnäpper (Eier, Jung- und Altvögel) auf dem Speiseplan des Siebenschläfers. Dies hängt damit zusammen, dass die Brutzeit der Vögel zeitlich mit der Wiederbesiedlung der Tagesverstecke (Nistkästen) durch den Siebenschläfer zusammen fällt. Verschiedentlich konnte sowohl im Gehege, als auch im Freiland das Anlegen von Vorräten in Tages- und Überwinterungsquartieren festgestellt werden (Koenig, 1960).
Siebenschläfer werden gewöhnlich im Sommer nach der ersten Überwinterung geschlechtsreif (Storch, 1978). Dagegen vermutet Morris (1997), dass sich Siebenschläfer der englischen Population erst nach der zweiten Überwinterung fortpflanzen. Bei den Männchen von Glis glis setzt die Spermatogenese mit dem Erwachen aus dem Winterschlaf ein. Im Verlauf des Augusts werden die Hoden wieder inaktiv. Laut Untersuchungen an einer Nord-Mährischen Siebenschläfer-Population waren im Juni 69 % der Männchen sexuell aktiv. Im Juli waren es 100 %, im August noch 10 % und im September 0 % (Gaisler et al., 1977). Die Tragzeit beträgt 30 bis 32 Tage. Die Wurfzeiten können selbst innerhalb einer Population von Jahr zu Jahr variieren, wofür vermutlich der Zeitpunkt der Beendigung des Winterschlafs verantwortlich ist. In Norddeutschland wurden Wurfzeiten von Anfang August bis Mitte September festgestellt (von Vietinghoff-Riesch, 1960). Am Monte Gargano (Süd-Italien) liegen sie zwischen Mitte Juli und Anfang September (Kahmann, 1965). Häufig lässt sich beobachten, dass die Fortpflanzung einzelner Populationen von Glis glis in manchen Jahren komplett ausfällt (Storch, 1978; Marin & Pilastro, 1994; Bieber, 1998). Löhrl (1955) macht hierfür Witterungseinflüsse (kühle, regnerische Sommer) verantwortlich. Im Rahmen eines achtjährigen Langzeitmonitorings einer Siebenschläfer-Population in den Südalpen (Italien) beobachteten Pilastro et al. (2003) Jungtiere nur in den Jahren 1991, 1992 und 1995. In den restlichen fünf Jahren fand keine Reproduktion statt. Es ließ sich eindeutig nachweisen, dass es nur in solchen Jahren Nachwuchs gab, in denen im Herbst reichlich Bucheckern vorhanden waren. Dagegen ließ sich kein Zusammenhang zwischen Reproduktionserfolg und klimatischen Faktoren (hohe Niederschlagsmengen bzw. niedrige Temperaturen während des Sommers) oder der Populationsdichte nachweisen. Normalerweise werden nur einmal pro Jahr Junge geboren. Die Anzahl der Nachkommen schwankt beim Siebenschläfer pro Wurf zwischen 1 und 11, meist liegt sie aber bei 4 bis 6 (Storch, 1978). Laut Morris (1997) variiert die Jungenzahl in England von 2 bis 5. Das Geschlechterverhältnis scheint zugunsten der Weibchen verschoben zu sein. Kahmann (1965) stellte am Monte Gargano ein Geschlechterverhältnis von 1,37 : 1 fest, von Vietinghoff-Riesch (1960) ermittelte in Norddeutschland ein Geschlechterverhältnis für Glis glis von 1,8 : 1.
In einer Nord-Mährischen Population waren 23 % der Siebenschläfer jünger als ein Jahr, 27 % lagen zwischen einem und zwei Jahren, 42 % waren zwischen zwei und drei Jahren alt und bei 8 % der untersuchten Individuen wurde ein Alter von mehr als drei Jahren festgestellt. Das Höchstalter von Gehegetieren wird bei von Vietinghoff-Riesch (1960) mit neun Jahren angegeben. Pilastro et al. (2003) ermittelten im Rahmen einer achtjährigen Freilandstudie eine durchschnittliche Lebenserwartung von neun Jahren für adulte Siebenschläfer. Die Überlebensrate des Siebenschläfers von einem zum nächsten Jahr wurde in dieser Untersuchung mit 0,86 bis 0,92 berechnet. Sie ist somit wesentlich höher als die Überlebensrate von Nagetieren vergleichbarer Größe und kann eher mit der Überlebensrate großer, herbivorer Säugetiere verglichen werden (Gaillard et al., 1998; Gaillard et al., 2000). Natürliche Feinde des Siebenschläfers sind vor allem Baummarder, Uhu und Waldkauz, die aber nur einen geringen Einfluss auf die Bestandsentwicklung haben.
Siebenschläfer - Populationsdichte
An der nördlichen Verbreitungsgrenze des Siebenschläfers belegen Untersuchungen eine Populationsdichte von durchschnittlich einem Individuum pro Hektar (von Vietinghoff-Riesch, 1960). Auch für die frühere Tschechoslowakei wird eine Populationsdichte von einem Tier pro ha angegeben (Gaisler et al., 1977). Hoodless & Morris (1993) ermittelten für England Populationsdichten von 0,8 bis 1,7 Individuen/ha. Lokal können die Tiere allerdings in wesentlich höherer Zahl vorkommen. In günstigen Biotopen, wie zum Beispiel Eichenwälder im nördlichen Kroatien, wird lokal eine Populationsdichte von bis zu 30 Tieren pro Hektar angenommen (Storch, 1978). Platt & Rowe (1964) berichten aus England von 16 besetzten Nestern innerhalb einer nur 1,5 ha großen Schonung. Ebenfalls aus England liegen zwei weitere Beobachtungen über lokal hohe Populationsdichten vor. Laut Thompson (1953) wurden in einem Haus 75 Siebenschläfer nachgewiesen, in einem anderen Gebäude wurden 65 Individuen gefangen (Morris, 1997).
In der folgenden Tabelle werden Daten zur Jugendentwicklung von Glis glis glis gegeben, die sich auf Koenig (1960) und von Vietinghoff-Riesch (1960) beziehen. Laut Morris (1999) beträgt die durchschnittliche Gewichtszunahme von Jungtieren 1,7 g/Tag.
Alter in Tagen |
|
1 |
Kr 40 mm, Schw 20 mm, Gew 1-2 g; schüttere, sehr feine, helle Börstchen
am Körper, Finger und Zehen vollständig verwachsen. Ohrmuscheln
vorgeklappt und mit der Kopfhaut verwachsen. Vibrissen bis 1 mm. |
6 |
Kr 60 mm, Schw 20 mm, Gew 5 g, Ohrmuscheln dem Hinterkopf anliegend. |
9 |
Kr 60 mm, Schw 20 mm, Gew 7 g. |
10 – 11 |
Erst Finger, dann Zehen völlig getrennt. |
12 – 13 |
Kr 70 mm, Schw 35 mm, Gew 9 g. Untere Schneidezähne brechen durch,
Gehörgang offen, Ohrmuscheln abstehend. Laufen noch ungeschickt. |
16 |
Dichter, kurzhaariger, dunkler Pelz am gesamten Körper. |
21 – 23 |
Kr 70 mm, Schw 45 mm, Gew 19 g. Obere Schneidezähne brechen durch,
Augen öffnen sich. Geruchs- und Tastsinn ausgereift. Erstmals Aufnahme
fester Nahrung. |
28 |
Kr 80 mm, Schw 70 mm, Gew 24 g. |
30 |
Selbständiges Verlassen der Höhle. Das Säugen
wird zunehmend eingestellt. |
33 |
Kletterfähigkeit ausgereift. |
35 |
Kr 100 mm, Schw 90 mm, Gew 31 g. |
46 |
Kr 105 – 125 mm, Schw 90 – 110 mm, Gew 50 – 53 g. Weitgehend
selbständig. Die ersten beiden Backenzähne brechen durch. Schwanz
wird buschiger. |
57 – 60 |
Kr 110 – 135 mm, Schw 100 – 120 mm, Gew 71 – 85 g.
Die dritten Backenzähne brechen durch und die vierten Vorbackenzähne
werden gewechselt. |
67 |
Gew 106 – 116 g. Aufsuchen von Erdhöhlen
zum Winterschlaf. |
Tabelle 1: Daten zur Jugendentwicklung von Glis glis glis. Kr: Kopf-Rumpflänge; Schw: Schwanzlänge; Gew: Gewicht.
Der Siebenschläfer ist eine nachtaktive Tierart. Aktivitätszeiten während des Tages stellen eine Ausnahme dar. Siebenschläfer sind sehr Ortstreu, wechseln auf kleinem Raum jedoch häufig das Tagesversteck. Schulze (1970) stellte fest, dass ein junges Männchen nach Verlassen der Mutterfamilie innerhalb von 32 Tagen eine Strecke von 1.400 m bis zu seinem neuen Revier zurücklegte. Morris & Hoodless (1992) zeichneten für 13 Nächte die Aktivitätsmuster eines männlichen und eines weiblichen Siebenschläfers auf, die mit Radiosendern versehen worden waren. Als Tagesversteck wurde zum Teil ein Schuppen im Wald aufgesucht. Das Männchen entfernte sich auf seinen Streifzügen bis zu 250 m von diesem Gebäude, das Weibchen jedoch nur ein einziges mal mehr als 100 m. Im Durchschnitt legte das Männchen 523 m und das Weibchen 111 m pro Nacht zurück. Zur Nahrungssuche erkletterten die Tiere vor allem Buchen und Eiben, wobei sie sich fünf bis acht Meter über dem Boden aufhielten. Außerdem wurden niedrige Brombeerbüsche, Holunder und Haselsträucher zur Nahrungsaufnahme aufgesucht. Die Siebenschläfer kehrten an mehreren, aufeinander folgenden Nächten zum Fressen an denselben Platz zurück und zogen erst weiter, als die Nahrung hier aufgebraucht war. Morris (1999) stellte für telemetrierte Siebenschläfer einen mittleren Aktionsraum von 0,2 ha pro Nacht fest. Für 12 aufeinander folgende Nächte ergab sich insgesamt ein Aktionsraum von 1 bis 2 ha pro Tier, wobei die individuellen Aktionsräume überlappten. Gaisler et al. (1977) schätzen den mittleren Revierdurchmesser von Glis glis auf 200 m. Auch hier findet sich die Angabe, dass eine klare Revierbegrenzung fehlt, weshalb die Reviere überlappen können.
Der Winterschlaf von Glis glis dauert lange und fällt in Mitteleuropa gewöhnlich in die Zeit von September/Oktober bis Mai/Juni. Der Beginn des Winterschlafs wird von der Witterung, sowie der Verfügbarkeit von Nahrung bestimmt. In Südwestdeutschland sind Siebenschläfer in normalen Jahren noch bis Mitte Oktober anzutreffen, bei ungünstiger Witterung beginnen sie den Winterschlaf dagegen bereits in der letzten Septemberwoche (Löhrl, 1955). In Niedersachsen sind Siebenschläfer bei sehr guter Buchen- und Eichenmast bis Ende Oktober aktiv, bei spärlichem Angebot an Eicheln und Bucheckern treten sie den Winterschlaf bereits im September an (von Vietinghoff-Riesch, 1960). Magere Jungtiere aus späten Würfen sind häufig bis Mitte November wach. Liegen die Quartiere in Gebäuden, können Siebenschläfer auch über den Winter hinweg aktiv sein. Für den Winterschlaf werden meist Selbstgegrabene Erdhöhlen genutzt, die in der Regel weniger als ein Meter tief sind und kein Nistmaterial enthalten (Schulze, 1970). Morris & Hoodless (1992) machen detaillierte Angaben zum Überwinterungsverhalten von drei mit Radiosendern versehenen Siebenschläfern. Ein Weibchen von Glis glis zog sich bereits am 15.8. in sein Winterquartier zurück. Es handelte sich hierbei um eine in der Nähe eines Grabens angelegte Erdröhre von 30 cm Tiefe. Im selben Versteck befanden sich ein Männchen, sowie ein weiteres Weibchen. Ein markiertes Männchen begab sich zwischen dem 30.9. und dem 4.10. in den Winterschlaf. Es legte seine Erdröhre nur 60 cm entfernt von der des Weibchens an und überwinterte zusammen mit einem Weibchen, sowie einem weiteren Männchen. In beiden Überwinterungsdomizilen befand sich kein Nistmaterial und in beiden Fällen war der Eingang der Höhle verschüttet. Dies deutet darauf hin, dass die gemeinsam überwinternden Individuen die Höhle zum selben Zeitpunkt aufgesucht hatten. Ein drittes, mit einem Radiosender markiertes Männchen überwinterte allein in rund 1 m Tiefe in einem verlassenen Dachsbau.
Die Körpertemperatur erwachsener Siebenschläfer beträgt im Wachzustand durchschnittlich 35,4 – 35,5°C (Pohl, 1961). Während des Winterschlafs fallen Siebenschläfer in einen Zustand der Hypothermie und ihre Stoffwechselrate ist stark reduziert. Die Körpertemperatur nähert sich stark der Umgebungstemperatur an und sinkt auf 0,5 – 1°C (Eisentraut, 1956). Die Herzfrequenz liegt im Wachzustand bei 450 Schlägen pro Minute, während des Winterschlafs sinkt sie auf 35 pro Minute (Poche, 1959). In dieser Zeit können Atempausen von 5 bis 50 Minuten vorkommen, die mit Phasen erhöhter Atemtätigkeit abwechseln (Pohl, 1961). Laut Wilz & Heldmaier (1999) kann die Atmung sogar bis zu einer Stunde aussetzen, wobei die Dauer des Atemstillstandes von der Umgebungstemperatur abhängt. Wurde die Umgebungstemperatur experimentell von 16°C auf 3°C gesenkt, so verlängerten sich die Perioden ohne Atemtätigkeit von 8 auf 60 Minuten. Wurde eine Temperatur von 3°C unterschritten, so nahm die Dauer des Atemstillstandes wieder ab. Auch die Perioden zwischen den Atempausen, in denen das Tier häufiger atmet, werden von der Umgebungstemperatur beeinflusst. Bei 14°C ventilieren Siebenschläfer ihre Lungen 14 mal während einer Periode mit Atemtätigkeit, bei 3°C 30 mal. Im Laborversuch setzte bei einer Temperatur von 0,1°C wieder eine kontinuierliche Atemtätigkeit ein. Interessanterweise fand während des Atemstillstands auch ohne Ventilation der Lungen ein signifikanter Gasaustausch statt. Dies ist möglich, da die Luftröhre auch bei Atemstillstand geöffnet bleibt. Unregelmäßige Atmung und passive Sauerstoffaufnahme ermöglichen es dem Siebenschläfer seine minimale Stoffwechselrate zu reduzieren und im Verlauf des Winterschlafs noch mehr Energie einzusparen.
Charakteristisch für den Winterschlaf des Siebenschläfers
ist auch, dass die Tiere zwischen den Schlafphasen immer wieder einmal
kurz erwachen. Nach Wilz & Heldmaier (1999) dauern die Schlafphasen
während der Überwinterung zwischen zwei und 32 Tagen. Die
längste, nicht durch spontanes Erwachen unterbrochene Hypothermiedauer
wird von Pohl (1967) mit 29 Tagen angegeben, wobei die längsten
Schlafphasen in der Mitte des Winters liegen. Laut Untersuchungen von
Morris (1999) dauerten die einzelnen Schlafphasen durchschnittlich
7,7 Tage. Zu Beginn und gegen Ende des Winters erwachten die Siebenschläfer
häufiger. Die Schlafphasen dauerten hier nur noch vier Tage. Normalerweise
wird in den spontanen Wachphasen keine Nahrung aufgenommen, obwohl
das Anlegen von Nahrungsreserven gelegentlich beobachtet werden kann
(Saint Girons, 1959). Während des Winterschlafs ist der Energiestoffwechsel
fast ausschließlich auf Fettverbrennung abgestellt. Kurz vor
der Überwinterung liegt der Anteil an ungesättigten Fettsäuren
im weißen Fettgewebe bei bis zu 45 %. Um dies zu erreichen ernähren
sich die Siebenschläfer vor der Überwinterung hauptsächlich
von Früchten, die einen hohen Anteil an Lipiden und ungesättigten
Fettsäuren enthalten. Während der Überwinterung werden
die ungesättigten Fettsäuren selektiv abgebaut und stellen
die hauptsächliche Energiequelle für den Organismus dar. Überwinternde
Siebenschläfer verlieren deutlich an Gewicht. Koenig (1960) stellte
bei Siebenschläfern von der Bergstraße die niedrigsten Körpergewichte
nach der Überwinterung in den Monaten Juni und Juli fest. Danach
kam es zu einem Gewichtsanstieg, der sein Maximum Ende September/Anfang
Oktober erreichte. Als Sommergewichte adulter Siebenschläfer werden
hier 70 bis 110 g angegeben. Die Herbstgewichte lagen für Männchen
bei 103 bis 157 g und für Weibchen bei 89 bis 125 g. Spätgeborene
Jungtiere von Glis glis wiegen nach der Überwinterung
teilweise nur noch 40 Gramm.
Bei einem Auftreten in Gebäuden wird der Siebenschläfer meist als Lästling angesehen. Werden jedoch erhebliche wirtschaftliche Schäden verursacht, so muss Glis glis als Schädling eingestuft werden. Im nördlichen Kaukasus kann in manchen Jahren ein Drittel der jährlichen Traubenernte durch den Siebenschläfer zerstört werden (Nowak, 1999). Im englischen Verbreitungsgebiet verursacht der Siebenschläfer zum Teil erhebliche Schäden in der Forstwirtschaft (Morris, 1997). Durch das Abnagen von Rinde werden in Schonungen vor allem 15 bis 30 Jahre alte Fichten, sowie 28 bis 35 Jahre alte Lärchen geschädigt. In geringerem Ausmaß sind auch Kiefern (Pinus sylvestris) und Birken (Betula pendula) betroffen. Oftmals wird die Rinde kreisförmig um den gesamten Stamm herum entfernt, was zu einem Absterben der Baumkrone führen kann. An der verletzten Stelle treten sekundär häufig Pilzinfektionen auf. Bei einer 1990 durchgeführten Untersuchung von 14.000 Bäumen wiesen 14,6 % Schäden durch den Siebenschläfer auf, was einem Ertragsverlust von 25 % oder 220 £ pro ha entsprach. In einigen Schonungen waren sogar 70 % der Bäume geschädigt worden. Hier wurde der wirtschaftliche Verlust mit 2.000 £ pro ha beziffert (Jackson, 1994). Santini (1978) berichtet über ökonomische Schäden durch das Verzehren von Obst und Nüssen. Siebenschläfer, die sich in Häusern eingenistet haben, können dort vor allem durch das Annagen von elektrischen Leitungen, Lebensmitteln und Möbeln Probleme bereiten (Thompson, 1953). Außerdem verunreinigen die Tiere ihren Aufenthaltsort mit Kot und Urin und sorgen nachts für erhebliche Lärmbelästigung. Da Glis glis über ein sehr empfindliches Geruchsvermögen verfügt und Pheromone vermutlich eine wichtige Rolle im Sozialverhalten der Siebenschläfer spielen, könnte der Einsatz repellierender Substanzen bei Bekämpfungsaktionen Erfolg versprechen.
Nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) § 39, Stand 25.3.2002, sind wildlebende Tiere und deren Biotope geschützt. Der Siebenschläfer wird als besonders geschützte Tierart in Anlage 1 der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) aufgeführt. Nach § 42 BNatSchG ist es verboten wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtstätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören. Ein Verstoß gegen diese Schutzbestimmungen kann mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro geahndet werden (§ 65 BNatSchG). Ausnahmen und Befreiungen von den Schutzbestimmungen dürfen nur von den zuständigen Behörden für Naturschutz und Landschaftspflege ausgesprochen werden (§ 62 BNatSchG). Dies bedeutet, dass Lebendfang oder Abtöten von Siebenschläfern genehmigungspflichtig sind. Einzelfall-Genehmigungen zur Durchführung von Bekämpfungsaktionen gegen Siebenschläfer können zum Beispiel in Hessen die Unteren Naturschutzbehörden erteilen.
Da bislang keine Methode zur Verfügung steht Siebenschläfer im Einklang mit den bestehenden rechtlichen Bestimmungen wirksam zu bekämpfen, entwickelt das Institut für Schädlingskunde in Zusammenarbeit mit Naturschutzbehörden eine Falle zum Lebendfang von Siebenschläfern, die den natur- und tierschutzrechtlichen Anforderungen genügt. Sobald erste Praxiserfahrungen mit dieser Falle vorliegen, werden wir diese hier präsentieren. Gefangene Siebenschläfer sollten am besten in einem naturnahen Laubwald wieder freigelassen werden, da sie hier die besten Überlebenschancen haben. Freilassungsaktionen dürfen aber nur in den Monaten Mai bis September erfolgen, da der Siebenschläfer den Rest des Jahres im Winterschlaf verbringt. Falls Siebenschläfer während des Winters gefangen werden, so müssen sie bis zum Beginn der nächsten Aktivitätsperiode im Käfig gehalten werden. Am besten man erkundigt sich in diesem Fall beim örtlichen Tierheim, ob die Siebenschläfer dort abgegeben werden können.
Das Institut für Schädlingskunde führt regelmäßig
Seminare über Schädlinge durch, die rechtlich besonders geschützt
sind. Neben dem Siebenschläfer werden hier auch Haussperling und
Maulwurf behandelt. Sie erfahren etwas über die Lebensweise dieser
Tierarten, die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die sich daraus
ergebenden Konsequenzen bei durchzuführenden Bekämpfungsmaßnahmen.
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Glossar
Habitus: In der Biologie wird das äußere Wesen eines Organismus,
das heißt die Gesamtheit aller wesentlichen und typischen sichtbaren
Eigenarten eines Tieres oder einer Pflanze und ihrer Relationen und
Proportionen als Habitus bezeichnet.
Herbivorie: Herbivore Tiere ernähren sich von pflanzlichen Organismen.
Hypothermie: Reduktion der Körpertemperatur während des
Winterschlafs.
Kotyledonen: Die ersten Blätter einer Pflanze werden als Keimblätter
oder Kotyledonen bezeichnet.
Nominatform: Treten im Verbreitungsgebiet einer Tier- oder Pflanzenart
Unterarten auf, so wird an den Gattungs- und Artnamen noch ein dritter
Name für die Unterart angefügt. Für die Nominatform
wird der Artname dann wiederholt. Hier: Glis glis glis.
Rezent: Dieser Begriff aus der Biologie bedeutet: in der heutigen Zeit
lebend. Gegensatz: ausgestorben.
Spermatogenese: Die Bildung der Spermien im männlichen Hoden
wird als Spermatogenese bezeichnet.
Telemetrie: Telemetrie bezeichnet die Übertragung von Messwerten
von dem eigentlichen Sensor zu einer Überwachungseinheit. Hier
können die Messwerte entweder gesammelt und/oder sofort bewertet
werden.
Ähnliche Schädlingsarten
Schermaus (Arvicola terrestris)
Wanderratte (Rattus norvegicus)
Steckbriefe weiterer Schädlingsarten